Lukrative Geschäfte mit Dispozinsen

„Dispozinsen, das ist das Geschäft der Banken mit dem Kleingedruckten – intransparent und lukrativ“, schreibt Die Zeit.

Die Dispozinsen lagen zwischen August 2011 und Mai 2012 im Durchschnitt bei mehr als 10 %. In dieser Zeit konnten die Banken sich Geld für 0,75 % Zinsen leihen. Heute brauchen sie sogar nur 0,5 % zahlen, laut einer Studie des Verbraucherministeriums. Einige Geldinstitute kassieren ihren Kunden somit das 24-Fache ab. Viele Banken setzen die Zinssätze an, wie es ihnen gerade passt. Je tiefer der Leitzins, desto höher der Gewinnspanne.

Dabei müssten die Geldhäuser die Zinsvorteile an ihre Kunden weitergeben. Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs von 2009 unterliegen Banken der „Verpflichtung zur Zinsanpassung”. Geben die Geldhäuser niedrigere Finanzierungskosten nicht an ihre Kunden weiter, dann sei das eine unangemessene Benachteiligung. Nach oben dürfen die Banken sich anpassen, wie und wann sie möchte – aber sinkende Zinsen müssen sie an die Kunden weiterreichen.

Wirtschaftlich lassen sich Wucher-Zinsen auch nicht begründen, behauptet der Vorstand der Ökobank GLS und die Großbank ING-DiBa. Kritik üben sie vor allem an der Konkurrenz wie die Sparkassen und Volksbanken. Gerade die Geldinstitute, die sich als besonders kundennah verkaufen, langen bei den Dispozinsen am stärksten zu.

Zu diesen Kritik meint eine Sprecherin des Sparkassen- und Giroverbands, dass ihr Dispo „das Taxi unter den Krediten sei: flexibel, aber eben auch teurer.“ Der Kunde hätte ja eine günstigere Alternative sozusagen mit Bus oder Zug zu fahren, also zum Beispiel einen Ratenkredit aufzunehmen. Nur Menschen mit unsicheren Einkommen, wie etwa Hartz-IV-Empfänger, wird dieses Angebot verwehrt bleiben.

Seitens der Bundesregierung ist kein gesetzliches Eingreifen abzusehen. Banken und Sparkassen haben zwar überhöhte Dispozinsen, dennoch sei es “nicht zielführend”, eine Obergrenze einzuführen, so das Verbraucherministerium. Die Logik: Eine Obergrenze würde dazu führen, dass Geldhäuser, die niedrigere Zinsen verlangten, diese bis zur erlaubten Obergrenze anheben. Dass es auch umgekehrt der Fall sein könnte, Banken also über niedrige Dispozinsen Kunden gewinnen könnten, daran glaubt man offenbar nicht.

Gegen eine gesetzliche Regelung der Dispozinsen geht Commerzbank-Chef Martin Blessing auf die Barrikaden. Seiner Überzeugung nach müssten Dispozinsen besonders hoch sein – um abschreckende Wirkung auf Bankkunden zu haben. Der Dispozins, so Blessing, solle “bewusst auch ein Anreiz sein, das Konto nicht langfristig zu überziehen”. Dass auch seine Bank, so Die Zeit, prächtig an Überziehungszinsen von bis zu 18 Prozent verdient, erwähnt der Commerzbank-Chef nicht.

Von Protesten und Rechtfertigungen in der Bankenbranche hält Michael Knobloch, Mitautor der Ministeriumsstudie, wenig. “Die Banken gehen, gerade im Vergleich zu klassischen Ratenkrediten, kein höheres Ausfallrisiko bei Dispokrediten ein, obwohl sie das oft behaupten”, erklärt er. Auch seien ein höherer Verwaltungsaufwand und Kosten in diesem Zusammenhang nicht zu erkennen, so Knobloch. Das beweisen bankinterne Zahlen.

Dispokredite bedeuten für eine Bank zwar ein Risiko. Dennoch, so der GLS-Vorstand Jorberg, auch mit 7,5 Prozent Dispozins werden Risiken abgedeckt und seine Bank erhält eine ordentliche Marge.
Warum dennoch Wucher-Zinsen verlangt werden? Branchenkenner kommen zu dem Schluss: Banken nutzen hohe Dispozinsen, um andere Angebote zu subventionieren. Beispielsweise um mit günstigen Kontogebühren zu locken. Oder um den Quartalsgewinn in die Höhe zu schrauben.

Quelle: Nadine Oberhuber/Marlies Uken. Die Zeit, am 6. Juni, 2013

[Sonntag 16. Juni 2013, 17:05]